Milchbar,1964 Foto: Ilse Bastubbe

Sonderausstellung zum Jubiläum "60 Jahre Kulturhaus Babelsberg“
von 1956 - 2016

Am 24. Juni, zeitgleich zum 2. Tanzfest, eröffnet das AWO Kulturhaus Babelsberg eine Ausstellung der letzten 6 Dekaden, anlässlich des 60. jährigen Haus-Jubiläums. Gebaut wurde das Gebäude 1899 ursprünglich unter dem Namen der damaligen Gemeinde Rathaus Nowawes. Mit der Umbenennung von Nowawes in die Stadt Babelsberg 1938 bekam das Gebäude den Namen „Rathaus Babelsberg“. Nur ein Jahr danach, 1939, erfolgte die Eingemeindung von Babelsberg nach Potsdam. Damit verlor das Gebäude seine administrative Funktion als Rathaus. In den Kriegsjahren bis 1956 wurde es für sämtliche Zwecke genutzt, u.a. als Reservelazarett, Schwesternwohnheim und Kindersäuglingsstation. Mit der DDR-Kulturstruktur folgte die Gründung des Kreiskulturhauses als Kulturzentrum und Klubhaus.

In den 50er Jahren, mit der Gründung des Kreiskulturhauses 1956, begann das 2. Leben des ehemaligen Rathauses. Verschiedene städtische Einrichtungen, wie ein Standesamt, die Zweigstelle der Stadtbibliothek oder ein Arztsprechzimmer für Tbc-Beratungen waren bereits ansässig. Durch einen Beschluss des Rates der Stadt Potsdam sollte das Gebäude zum Klubhaus umgestaltet werden. Das kulturelle Niveau im Arbeiterbezirk Babelsberg sollte durch das neu geschaffene Angebot gehoben werden, um die Menschen auf den Weg im Sinne des Sozialismus zu bringen.

Die Aufteilung des Hauses war klar strukturiert:

Im 1. Stock befanden sich das Standesamt, das Büro der Parkfestspiele Sanssouci, der Wohnbezirksklub der Nationalen Front und das Pädagogische Kabinett. Der Keller beherbergte einen Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe sowie zwei Räume, die für die Sprechstunden von Wohnraumlenkung und Sozialwesen genutzt wurden.

Die Hausmeisterwohnung musste schleunigst geräumt werden, um den dort eingedrungenen Schwamm beseitigen zu können, und auch der Kreisarzt musste sein Sprechzimmer räumen. Für die nötigen Renovierungsarbeiten und die neue Inneneinrichtung stellte die Stadt großzügig bemessene Mittel aus ihren Reservefonds zur Verfügung. Damit wurden die verschiedenen Klub- und Gasträume eingerichtet, Lampen, Stühle, Tische und Regale angeschafft. Der Saal im Obergeschoß erhielt neue Stühle, Gardinen und Lampen, der neben ihm gelegene Raum wurde als Umkleideraum eingerichtet und mit Schminktisch und Spiegeln ausgestattet. Weiterhin gab es im Obergeschoß einen Fernsehraum, ein Billardzimmer, ein Skatzimmer mit 24 und einen Vortragsraum mit 20 Plätzen sowie eine kleine Küche.     

Pünktlich am 1. August 1956 konnte das Haus als Klubhaus und neuer kultureller Mittelpunkt von Babelsberg eröffnet werden. Die Angebote zur Weihnachtszeit richteten sich vor allem an die Kinder. Es wurde gebastelt, genäht, gerätselt, gesungen und Gedichte vorgetragen.

Die Dekoration im Haus wurde vielseitig umgesetzt. So gab es einen großen Weihnachtskalender aus Stoff, welcher am großen Treppenhausfenster hing. Ein Jahres-Stecken schmückte den unteren Treppenaufgang. Knusperhäuschen, Puddingbar und Weihnachtspyramiden stellten gemütliche Ecken zum Verweilen dar. (1)

(1) Keller, Carsten, Zur Geschichte des Babelsberger Rathauses (1900-1956), Babelsberger Reihe Nr. 3, 1. Auflage, Brandenburgische Landes- und Universitätsdruckerei, Potsdam, 2000: S. 55-57

Die 60er Jahre sind umfassender dokumentiert worden, so dass der Eindruck entsteht, das Kulturzentrum in Babelsberg war noch nie zuvor so intensiv bespielt. Für Erwachsene gab es Tanzveranstaltungen, Konzerte, Lesungen, Vorträge, Modenschauen und Faschingsveranstaltungen. Für Kinder gab es viele Zirkel (Kurse), u.a. Puppen basteln, Modelleisenbahn und Schachspiel. Im Sommer wurde das Haus mit umgebenden Einrichtungen zum Ferienzentrum Babelsberg erklärt, in dem es viele interessante Vorträge für Kinder anbot, u.a. „Ein Blick in das Weltall“, „Die Geheimnisse einer Schallplattenkassette“, „Über das Wunderwerk der Orgel“ etc. Aber die Kinder und Jugendlichen vergnügten sich auch in den Außenanlagen des Klubhaus Lindenpark, wo es Tanzveranstaltungen und Konzerte im Freien gab und man schon in einem kleinen Zeltlager das Campingleben ausprobieren konnte. Filmveranstaltungen und Lampion-Feste fanden dort ebenfalls zahlreich statt. Oder man betätigte sich sportlich durch Handball, Fußball, Federball, Volleyball, Schießen, Tischtennis und Kegeln. (Damals agierte der Lindenpark im Auftrag des Kreiskulturhauses.) Weiterhin gab es eine polytechnische Werkstatt des Karl-Marx-Werkes, die Fahrrad und Motorradreparaturen sowie andere technische Basteleien ermöglichte. Eine Station „Junger Techniker“ beschäftigte sich mit dem Flugzeugmodellbau, Elektrotechnik, Halbleitertechnik, Schiffsmodellbau und Zierpflanzen. Tätigkeiten, wie Weben, Schneidern, Nähen und Klöppeln blieben im Haus weitestgehend noch erhalten. Musikensembles krönten Volksfeste, welche u.a. am Wahltag durchgeführt wurden. Dazu gehörte der Männerchor Babelsberg, die Bläsergruppe des Karl-Marx-Werkes und ein Fanfarenzug der damaligen Schule 16. Die Entwicklung eines Jugendklubs war der damalige Wunsch der Jugendlichen, welcher umfangreich mit dem damaligen Leiter Karl Lill diskutiert wurde. Schließlich wurden Nachtveranstaltungen mit Barbetrieb und künstlerisch-kabarettistischem Programm im Haus für die Jugend-Generationen etabliert. Es entstand die sogenannte Milchbar zwischen August-September 1964. Im Keller wurde die Jazzreihe „Jazz am weißen Flügel“ initiiert, im Wechsel von modernem Jazz und Dixieland-Jazz.  Regelmäßig gab es von nun an Tanzveranstaltungen im Ratskeller (welcher damals noch unter der Regie des Kulturhauses geführt wurde).

Die 70er Jahre waren ähnlich wie die 60er Jahre, geprägt von Kinder- Musik und Tanzveranstaltungen, nur dass das Publikum schon etwas unverklemmter, vielleicht sogar freizügiger wurde. Es kam noch mehr in den Genuss, mehr lebendige Kultur im Kiez zu genießen. Konzerte zur Völkerverständigung, bunte Faschingsabende, Modenschauen und Jazzreihen gehörten zum festen Programm und wurden immer beliebter. Kinder bastelten für einen Chile-Solidaritätsbasar, Vorträge wie: das sozialistische Wirtschaftsrecht, Verhalten im Straßenverkehr oder bei Brand waren Bestandteil des Bildungsprogramms. Regelmäßig öffnete das Jugendcafé, Musikunterricht für Gitarre und Akkordeon wurde ebenso wie Malen und Zeichnen einmal wöchentlich gelehrt. Eine Jugendtanzgruppe, eine Gruppe junger und jüngster  Autoren, ein Amateurfilmzirkel sowie ein Kinder- und Jugendensemble trafen sich regelmäßig, um ihren Interessen nachzugehen.   Ein Fotozirkel, der Lyrik-Zirkel „Leben, Liebe, Zukunft“, Filmvorführungen und Dia-Vorträge sowie Skat- und Diskussionsabende waren auch im Programm verankert. Der Jugendclub führte seine politische Themenarbeit fort und lud zu Diskussionsveranstaltungen ein. Kooperationen mit der DEFA, dem Planetarium des astronomischen Zentrums „Bruno H. Bürgel“ und Vortragsreihen mit der Urania entstanden.
Im Mai 1974 bekam das Haus den Beinamen „Herbert Ritter“. Herbert Ritter wurde im Alter von 17 Jahren von einem Nazi auf dem heutigen Weberplatz am 12. November 1931 erschossen. Ritter war Arbeiter im Orenstein & Koppel-Werk und Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes. Er war das erste Opfer des faschistischen Terrors im damals Roten Nowawes. Die Bemühungen um den Namen "Bertolt Brecht" hatten keinen Erfolg, da die Brecht-Erben ihre Zustimmung nicht gaben.

Die 80er waren in der DDR das Jahrzehnt der Improvisation. Die modernen Ideale und Wünsche der 70er sah man nicht weiter erfüllt. Stattdessen wurde stets der Versuch unternommen kulturpolitisch Dinge agitatorisch voranzutreiben. Das Kulturhaus büßte aber an seinem Publikum und der Angebotsvielfalt nicht ein. Die Mangelgesellschaft hatte zwar auch hier Einzug genommen - das Haus war mittlerweile schon sehr sanierungsbedürftig geworden - aber neubenannte „alte“ Veranstaltungsreihen wie Jazz im Keller, (weil es den weißen Flügel nicht mehr gab) waren nach wie vor der Renner.
Der damalige Leiter Werner Kröner experimentierte mit Veranstaltungsformaten, u.a. einer Talkshow im Saal, die sich „Freitag Abend live“ nannte, in der u.a. damals umstrittene Persönlichkeiten wie Maria Möse und Rolf Römer gastierten. „Freitag Nacht intim“ war eine Erweiterung der Talkshow mit Konzerten im ganzen Haus. Insbesondere diese Veranstaltungen im Haus spiegelten teilweise den Unmut der Bevölkerung wieder, in dem in Diskussionsabenden Kritik gegenüber dem politischen System fiel. 1989 brachen die bisherigen kulturellen Strukturen zusammen. Das Haus wurde kulturell zunächst uninteressanter, da sich die Menschen nach neueren Veranstaltungen schon lange gesehnt hatten und diese nun im angrenzenden Westberlin fanden.

Die 90er versprachen Hoffnung mit der politischen und damit auch kulturellen Wende. Das Haus musste sich als Stadtteil- Kultur und Bürgerzentrum auf einen neuen Weg begeben. Neue Vereine und Initiativen gründeten sich und zogen in das Gebäude ein. Die Kunstschule Potsdam e. V. etablierte sich mit Keramik-, Mal- und Zeichenkursen, die Singschule Potsdam e.V. bot Musikunterricht an und lud zu Konzerten ein. Der offene Kunstverein hatte im Haus seine Arbeit begonnen, das Theaterschiff errichtete im unteren Geschoss, wo sich einst die Zweigstelle der Bibliothek befand, ein Büro mit Probebühne. Der Förderkreis Böhmisches Dorf Nowawes und Neuendorf e.V. gründete sich und begann mit seiner wertvollen Arbeit für Babelsberg. Dazu gehört u.a. die Stadtteilanalyse, die interessierte Bürger motivierte, sich mit dem Stadtteil Babelsberg planungsmäßig und gestalterisch auseinanderzusetzen. Das Haus blieb weiterhin eine kulturelle Einrichtung der Stadt Potsdam. Der damalige Leiter, Michael Kroop, etablierte in dieser Zeit das Kinderprogramm und interessante Vortragsreihen sowie Podiumsdiskussionen politischer und kultureller Art. Die Chöre der Vollsolidarität und der Chor des Wandervereins „Die Baberower“ sind seither eine feste Instanz, die regelmäßig Chorproben durchführen. Eine enge Zusammenarbeit mit den Initiativen im Haus, insbesondere mit der Kunstschule Potsdam e.V. bewirkten erste größere Kunstausstellungen. Das Haus wurde in dieser Zeit äußerlich und im Innenbereich rekonstruiert und war damit gegen den bedrohenden physischen Verfall gewappnet. Die Jubiläen 100 Jahre Kulturhaus Babelsberg und 250 Jahre Nowawes wurden zum Ende der 90er vorbereitet und mit dem Jahrhundertwechsel erfolgreich mit offiziellen Feier- und Festveranstaltungen im Haus umgesetzt.

Die 2000er - Mit dem neuen Jahrhundert wurde das Haus im Sommer 2005 in die Trägerschaft des AWO Bezirksverbandes Potsdam e.V. übernommen. Im Oktober 2005 veranstaltete das neue AWO Kulturhaus-Team mit der neuen Leiterin Yvonne Pachl die Eröffnung als Herbstfest. Im September 2006 fand die 50 Jahr-Feier mit umfangreichem Bühnenprogramm im Hof statt. Frühere Veranstaltungsformate „Babelsberger Blues & Jazzreihe“ wurden neu aufgelegt. Hinzu kam die Idee, den Saal wieder wie in den 60ern als Kino erwachen zu lassen. Die Veranstaltungsreihe „Babelsberger Studentenfilmkino“, die später „Kulturkino Babelsberg“ hieß, zeigte fünf Jahre lang Studentenfilme der damals benannten ansässigen Filmhochschule „Konrad Wolf“ mit anschließenden Gesprächen. Die Nachfrage an Räumlichkeiten für Kursleiter und Angeboten beim Publikum stieg stetig an. Das Kursprogramm wuchs so stark, dass bald alle Raumkapazitäten ausgeschöpft waren. Von Gymnastikkursen über Tanzunterricht bis hin zu Musikunterricht, wie Klavier, Gitarre, Gesang und Trommeln oder Kurse für Bewegungs- und Entspannungstechniken wie Yoga, Qi Gong, Thai Chi, aber auch Lern und Mitmach-Workshops wie Computerkurse, Kinder und Erwachsenenschauspiel, sowie Sprachkurse erweiterten stetig das Angebot und trafen auf das wachsende Interesse der Babelsberger, Potsdamer und Berliner. Darüber hinaus bestand seitdem auch für Vereine, Initiativ- und Bürgergruppen sowie für Familien und Einzelpersonen die Möglichkeit, Räume zu mieten und Veranstaltungen selbst organisiert durchzuführen. Zum traditionellen Repertoire des Hauses entwickelten sich wieder Puppen- und Figurentheater, Kleinkunst-Programme, Konzerte und Tanzveranstaltungen, aber auch Hoffeste und Ausstellungen.

Die 2010er Jahre begannen für das Haus mit einer Innensanierung mit Mitteln des Konjunkturpaketes II. Im Bürgerhaushalt der Stadt Potsdam erreichte das Vorhaben Platz 3 und konnte damit erfolgreich umgesetzt werden. Insbesondere die Brandschutzertüchtigung, die Barrierefreiheit, der Anbau eines Fahrstuhls, die Erneuerung des Hofes / Parkplatzes, die Erneuerung der technischen Anlagen brachten das Haus auf einen modernen Stand. Ein wichtiger Aspekt dabei war die denkmalschutz-orientierte Restaurierung der Treppenhäuser, Flure, Fenster, Türen und Fußböden sowie die Erneuerung der sanitären Anlagen und die Installierung von behindertengerechten Toiletten. Nach der Sanierung wurde das Haus offiziell mit einem Kultur- und Aktionsprogramm im Februar 2011 festlich wiedereröffnet, wobei das Haus immer während der Sanierung mit sämtlichen Kursen weiter betrieben werden konnte. Mit den neuen Räumen konnte das Angebot, insbesondere im Spektrum Vermietung und Angebot, erweitert werden.

Im September 2015 war das Haus maßgeblich an der Organisation und Umsetzung des  "bewegend anders" Festivals, dem 1. Potsdamer Kunstfestival für Menschen mit und ohne Behinderung in Kooperation mit dem Waschhaus e.V. und vielen Kooperationspartnern (u.a. Waschhaus Potsdam), beteiligt. Gefördert wurde das Festival durch Aktion Mensch, Veranstalter war der Träger des Hauses, der AWO Bezirksverband Potsdam e.V..

Die mit der Jazzinitiative Potsdam e.V. wurde eine neue Jazzreihe namens „JazzTime“ kreiert, die als monatliche Konzertveranstaltung mit Stammpublikum darbietet. Ebenso erfreuen die Babelsberger Klassikreihe, sowie Rock-, Pop-, und experimentelle Konzerte und regelmäßig wechselnde Ausstellungen im Bereich Fotografie, Malerei, Graphik und Druck das Publikum. Die sogenannten Multivisionsshows, die modernen Reisevorträge von heute, werden ebenfalls sehr gern angenommen.

Mit dem Jubiläum "60 Jahre Kulturhaus Babelsberg" im Juni 2016 ist das umfangreiche Tanzfest im Hof und seiner Sonderausstellung der krönende Abschluss dieser letzten 6 Jahrzehnte. Mit seiner 60jährigen Geschichte hat das Haus eine wechselhafte Zeit durchlebt und bis zum heutigen Tag findet das Haus immer wieder Möglichkeiten, den Bürger und die Nachbarschaft mit seinen Angeboten zu überraschen.

Die Ausstellung wurde durch die Firma Mail Boxes Etc. 0212, Inhaber Hendrik Tietze, in Kooperation mit dem Kulturhaus geplant, teilgesponsert und umgesetzt. 

Ausstellungstext und Bildnachweis: André Böhm, Öffentlichkeitsarbeit und Programmgestaltung, AWO Kulturhaus Babelsberg

geplanter Ausstellungszeitraum 24.06.2016 bis Ende Dezember 2016

AWO Kulturhaus Babelsberg
Karl-Liebknecht-Str. 135
14482 Potsdam

Tel.: 0331-7049262
Fax.: 0331-7049263
Kartenreservierung: 0331-7049264
E-Mail: kulturhaus@awo-potsdam.de
www.kulturhausbabelsberg.de